Ljudmila Semjonowna Subowskaja

Von Ljudmila Semjonowna Subowskaja (geb. Podgajezkaja), minderjährige Häftlingsfrau des Arbeitslagers in Eisenerz (Österreich, ab dem 10.06.1942), Insassin des Konzentrationslagers Ravensbrück (Fürstenberg, Deutschland, 1943–1944), Häftlingsfrau des KZ Neuengamme in Hamburg (Frauen-Außenlager Wandsbek, 1944–03.05.1945)

Ich, Ljudmila Semjonowna Subowskaja (geborene Podgajezkaja), wurde am 20. Mai 1927 in der Ortschaft Grigorjewka, Kreis Tschaplyn, Gebiet Cherson, in einer wohlhabenden Familie eines Großbauern geboren. Ende der 1920er-1930er-Jahre verbrachte der Vater die Familie eilig nach der Krim in die Stadt Simferopol, um der Entkulakisierung zu entgehen. Mir hat sich ein großes Fass eingeprägt, dass neben mir auf dem Fuhrwerk stand, mit dem wir fuhren.

Foto № 1: Familie Podgajezkij. In der Mitte, mit Hütchen, Ljuda. Um 1929/1930

In Simferopol lebten wir am Stadtrand, halfen seit der Kindheit den Eltern: die Mutter gab uns eine Flasche Milch, ein Stück Brot und schickte uns für den ganzen Tag die Kuh hüten.                                                                                                                         

Foto № 2: Das Mädchen Ljuda Podgajezkaja vor dem Krieg, so wie sie nach Deutschland deportiert wurde

Der Krieg begann. Der Vater ging an die Front. Deutsche Truppen fielen in Simferopol ein. In unserem Haus stand zunächst ein deutscher Treck. Die Soldaten wohnten im Haus (wir hatten ein gutes solides Haus), und uns – Mutter, mich und meine zwei Brüder – warf man hinaus in die Scheune, dort lebten wir dann auch. In dem großen Zimmer lagen Berge von Kleidung – offensichtlich den Juden abgenommen. Ich hätte mir davon sehr gern etwas für mich ausgesucht, aber Mutter sagte: „Hände weg! Du wirst erschossen!“ Wir hungerten, und einmal nahm Mutter heimlich einige Handvoll Hafer von dem Pferd weg. Dafür wurde sie auf dem Hof festgebunden und sie stand die ganze Nacht durch, wurde krank.

Es gab verschiedene Deutsche. Ich war vierzehn, wie alle Kinder rannten wir überall herum, krochen in alle Löcher, alles war spannend. Einmal explodierte auf dem Bahnhof irgendetwas (oder war das ein Bombardement), da wurde ich von einem Splitter am Bauch verletzt, man brachte mich gerade so nach Hause. Mir ging es sehr schlecht, ein deutscher Soldat sah, dass ich am Sterben war, gab Medikamente und kurierte mich damit. Ein anderer Soldat zeigte uns ein Foto seiner Frau und mehrerer Kinder und weinte. Anschließend wurde er abgeführt und wir haben ihn nie wiedergesehen. Dann verließen die Deutschen das Haus und die Rumänen kamen; sie waren wie Zigeuner, schlechter das die Zigeuner. Nahmen alles mit, zerrissen die Kärtchen. In der Ecke des Zimmers stand ein Klavier. Sie tanzten auf den Tasten. Маma weinte, aber sie schrieen: „Alte, sieh mal!“

Im Jahr 1942 wurden alle zur Arbeit herangezogen. Sie kamen auch, um Mutter zu holen. Mein jüngeres Brüderchen Kolja war damals 5 ½ Jahre alt. Mit dem deutschen Soldaten kam auch ein Tatare – von der Polizei. Der Tatare schlug Mutter mit dem Gewehrkolben nach dem Motto „Los, mach hin!“, der kleine Bruder fing an zu schreien, zu weinen, und ich stand daneben. Der Soldat sagte: „Lass die Frau, wir nehmen das Mädchen.“ Und so nahmen sie mich mit. Transportierten mich in das sogenannte „Kartoffelstädtchen“ in der Stadt ab, dort trieb man alle Arbeiter zusammen. Am Tag darauf sage man uns: „Lasst euch Essen und Kleidung für 2–3 Tage bringen, wir fahren in die Ukraine arbeiten.
Am 10. Juni 1942 trieb man uns zum Bahnhof und hier in der Menge entdeckte ich meine Cousine Ljuda Beljajewa (verheiratete Sawtschuk), wir wurden zusammen in denselben Waggon – den „Kälberwagen“ – verfrachtet und abtransportiert. 

Unterwegs ließ man uns an den kleinen Eisenbahnstationen zur Toilette und trieb uns anschließend wieder in die Waggons. Wir fuhren lange, hatten Hunger. Die Waggons wurden erst geöffnet, als wir in Polen waren. Man gab uns ein wenig Brot. Dann schaffte man uns nach Österreich in die kleine Stadt Eisenerz. Wir wurden in einem Lager einquartiert, das mit Stacheldraht umzäunt war (für die Russen, die anderen Nationalitäten konnten sich frei bewegen), durch den Strom floss. In einem Zimmer hausten wir zu acht, links und rechts: zwei schlafen unten, zwei oben. Zur Kontrolle traten wir neben den Betten an (eine Aufseherin („Stubenfrau“) kontrollierte – eine diensthabende Deutsche). Meine Cousine wurde in der Küche eingesetzt. (sie versteckte später immer mal ein bisschen Brot an der Brust und brachte es uns), ich wurde gleich zur Arbeit in einem Schacht abtransportiert. Es war ein Tagebau. Rauf und runter auf den Gleisen fuhren Loren, transportierten die Arbeiter und das Erz. Wir mussten das Erz vom Gestein trennen. Es lief ein breites Fließband aus dickem Gummi (breiter als ein Meter), und beidseitig (ein paar Stufen hinunter und eine lukenartige Vertiefung) standen wir mit Greifern. Die einen sonderten auf der einen Seite das Gestein aus (weißer Stein) und die anderen das braune Erz. Der „Steiger“ (Aufseher) lief hinter uns und beaufsichtigte uns.

Einmal hatte ich Spätschicht. Es war dunkel, aus irgendwelchen Gründen wurde kein Erz gefördert und das Fließband hielt an. Ich war müde und nickte ein. Da kam der Steiger angesprungen, sah, dass ich schlief und zerrte mich fluchend an den Haaren und begann mich zu schlagen. Ich schützte mich verschlafen mit den Armen, dachte keinesfalls daran ihn zu schlagen, aber wir trugen diese Holzschuhe und ich verhakte mich zufällig mit einem Holzschuh und verletzte ihn am Bein. Er schrie sogar auf. Man ließ mich umgehend in einer Lore in das Lager herab und sperrte mich in den Bunker. Dort saß ich 24 Stunden lang, wurde dann fast leblos, schwarz, dort herausgezogen. Und am Tag darauf begann man Pfähle aufzustellen, und alle wussten, dass ich vor dem gesamten Lager erhängt werden sollte. Mir halfen Tschechen, einer hieß Mirko. Sie hatten irgendwie den Wächter Franz vom Pförtnerhaus bestochen. Der Strom wurde abgestellt, sie halfen mir, unter dem Stacheldraht hindurchzukriechen und brachten mich weg. Man steckte mich in deutsche Kleider: ein Dirndl, ein Damenjäckchen und auf dem Kopf eine Art Barett, gab mir Geld – Mark, kaufte mir eine Fahrkarte und hielt mich an, den Mund zu halten und setzte mich in einen Zug (eine Art Regionalbahn) bis Graz. Sie sagten mir, wo ich aussteigen und ein großes russische Lager finden sollte, und dann fuhr ich allein los. Im Waggon war es dunkel, der Schaffner kontrollierte meine Fahrkarte. Ja, und so kam ich in die große Stadt Graz, wo neue Abenteuer begannen.  

Als ich aus dem Zug stieg, verlor ich mich sofort. Viele Menschen, Straßenbahnen, verschiedene Nummern. Ein Mann trat an mich heran (er erwies sich als Pole), fragte mich, wer ich sei, und half mir bis zum Lager zu gelangen. Wohin sonst hätte ich denn sollen?

Ich näherte mich dem Pförtnerhaus und als der Pförtner einnickte, huschte ich ins Lager. Ich klopfte an eine Baracke, und man sagte mir, wohin ich mich wenden sollte, wo ich Leute von der Krim finden würde. Sie versteckten mich unter den Matratzen, teilten in der ersten Zeit ihr Essen mit mir (jede Insassin jeweils einen Löffel). Alle Frauen gingen zur Arbeit in die Stadt. Ich mischte mich unter die Kolonne und ging auch in die Stadt, strich den ganzen Tag herum. Am Abend wartete ich auf ihre Rückkehr, reihte mich wieder in die Kolonne ein und gelangte so in das Lager. Das ging fünf Tage so. Einige Häftlingsfrauen murrten, dass sie ein Risiko eingingen und mir von ihrem Essen abgaben (jede jeweils einen Löffel, manche mehr). Außerdem war ich auf meinen Streifzügen tagsüber am Stadtrand in irgendwelche Gartenhäuschen gelangt, dort stand alles offen, Eingewecktes stand herum. Vor Hunger nahm ich ein Glas und schmuggelte es ins Lager. Einige Frauen erschraken: „Wegen dir werden wir noch umgebracht!“ Eine von ihnen arbeitete bei einem Bauer als Putzfrau und hatte das Recht, einmal sonntags in die Stadt zu gehen. Sie hatte Geld, und Lebensmittelmarken. Die Frauen hatten Angst um ihr Leben, gaben mir ihre Marken und ich war gezwungen das Lager zu verlassen. Ich erwies mich als Einzige in der Stadt, betrat einen Imbiss, gab eine Marke hin und bekam zu essen dafür. Während ich aß, bemerkte ich, dass mich zwei Männer am Nachbartisch beäugten. Ich erschrak, dachte: „Erwischt!“, blieb noch einen Augenblick sitzen und verließ den Imbiss. Sie hinter mir her. Ich ging schnell, sie hinter mir. Ich gab auf und setzte mich auf eine Bank. Sie kamen heran und fragten: „Wer bist du, eine Polin?“ Ich fing an zu weinen, sagte, ich sei Russin, log ihnen was vor von einer Schwester, die ich suchen würde … und erzählte ihnen schließlich alles. „Du kommst mit uns!“ Sie brachten mich zu einem Bauern, die Bäuerin gab mir einen Krug Milch. Dann kamen noch zwei dazu: Pascha und Viktor. Einen Schlafplatz gaben sie mir auf dem Heuboden. So lernte ich die Jungs aus der Untergrundorganisation kennen. Sie erschienen mir damals sehr erwachsen. Die Jungs waren, wie ich verstand, geflohene Kriegsgefangene.

Sie arrangierten es, dass ich bei dem Bauern wohnen konnte, mit dem sie zu tun hatten, er war scheinbar Kommunist. Sie kamen und gingen, das war eines ihrer Anlaufquartiere. Sie hatten offizielle Papiere und hatten eine deutsche Uniform für alle. Sie kamen an Waffen, verwahrten und verschifften sie, ich glaube, nach Jugoslawien. Sie erzählten mir nichts über ihre Aktivitäten. Wenn sie in deutscher Uniform für einen Auftrag auf die Straße gingen, hielt ich mich neben ihnen, als wenn ich ihr Mädchen wäre. Diese Jungs im Untergrund hießen Viktor, Pascha, Kostja, Wasja … Ihre Nachnamen haben sie nicht genannt. Die Jungs haben mir oft wiederholt, dass, falls wir verhaftet würden, uns nicht kennen. Ich bekam zufällig mit, dass Kostja aus Sewastopol war.

Einmal, kurz vor der Enttarnung, gingen wir eine Straße entlang und hielten vor einem kleinen Fotogeschäft. Irgendwer schlug vor: „Lasst uns ein Foto von uns machen zur Erinnerung!“ Wir betraten das Fotostudio und ließen eine Aufnahme machen, jeder bekam ein Exemplar. Das war unsere Zelle. Kurz darauf wurden wir enttarnt. Ein Tatare hatte herumgeschnüffelt und verpfiff uns. Черезнебольшое время нас разоблачили. Ich habe ihn nie gesehen, ich kannte nur diese vier.            

Foto  3: Unsere Gruppe, v. l. n. r.: Viktor, Pascha, Ljudmila Podgajezkaja, Kostja, Wasja. Aufnahme vom 06.03.1944 Graz, Österreich                                  

Die Jungs brachten mich, als sie spürten, dass sie verfolgt wurden und jeden Moment verhaftet werden könnten, bei dem Wirt des Imbisses, Herrn Kleinz, als Arbeitskraft unter. Sie wurden indessen verhaftet. Die Frau des Gastwirtes kontrollierte mich: sie gab mir den Auftrag, im Schlafzimmer aufzuräumen, verstreute kleine Münzen, legte mal einen Ring unter den Teppich. Ich sammelte alles auf und legte es auf der Kommode ab. Als ich in der Küche beschäftigt war, kam die Wirtin herein, gab mir einen Kuss und sagte zu mir: „Du wirst meine Tochter sein!“ Sie hatten keine Kinder, sie mochten mich und nannten mich Mileta. Das Foto von unserer Zelle blieb bei mir und ich bat Herrn Kleinz, das Foto an Bekannte im Lager in Eisenerz zu schicken zu Händen Ljudmila Beljajewa (meine Verwandte, später verheiratete Ljudmila Sawtschuk. Sie blieb am Leben und kehrte nach dem Krieg nach Simferopol zurück.). Als sie aus dem Lager Eisenerz floh, schlug man sie dafür heftig, forderte von ihr, alles zu erzählen, aber sie wusste in Wahrheit überhaupt nichts. Sie bekam das Foto, aber nach dem Krieg erhielt ich es von einer anderen Häftlingsfrau zurück, Walja. Meine Cousine hatte offensichtlich Angst bekommen und das Foto bei Walja versteckt. So ist mir die Erinnerung an die Jungs geblieben. In dem Imbiss arbeitete ich zwei Monate. Einmal sah ich durch das Ausgabefenster in der Küche: Ein SS-Mann in Uniform und Schirmmütze mit Kokarde kam herein, unterhielt sich mit dem Wirt, Herrn Kleinz, befragte ihn über mich und sagte: „Die nehm´ ich mit!“ Ich bat, in das Zimmer gehen zu dürfen, das ich mir mit zwei anderen deutschen Mädchen teilte, und fiel auf die Knie: „Mutter Gottes, hilf mir!“ Man setzte mich in ein Auto und brachte mich zur Gestapo. Man schlug mich, schlug mich heftig und fragte mich über meine Bekannten aus. Ich sagte nichts. Sie legten meine Hand auf den Tisch und der Ermittler schlug mir mit einem speziellen Stock, der ein verstärktes Endstück hatte, auf die Finger, das tat höllisch weh. Die Finger sind bis heute krumm. Dolmetscher war ein Tatare. Ich verstand bereits Deutsch und merkte, dass er nicht das dolmetschte, was ich sagte. Ich fing an, selbst auf Deutsch zu antworten. Dem Ermittler in Zivil gefiel das, mir half es. Man brachte mich in ein anderes Zimmer, unter einem hohen Bogen, und veranstaltete eine Gegenüberstellung. In einigem Abstand saß der SS-Mann, man brachte den verprügelten Pascha herein (den zweiten von links auf dem Foto). Sein Gesicht war nicht mehr erkennbar. Wenn ich ihn nicht kennen würde, hätte ich ihn nicht erkannt. Ich schaffte es, nicht auf ihn zu reagieren, aber er reagierte auf mich. Sie fragten ihn: „Ist sie das?“ Er antwortete nicht, schaukelte nur kaum merklich mit dem Kopf hin und her, und sie führten ihn wieder ab. Der SS-Mann sah mich lange böse an. Mir schien, das war das Ende. Plötzlich ging das Telefon, er nahm den Hörer ab und sagte laut mit böser Stimme in meine Richtung: „Etappe!“ Was mit Viktor, Kostja und Wasja passierte, weiß ich nicht, ich habe nie wieder jemanden von ihnen gesehen.

Zehn – fünfzehn Leute von uns wurden in einen Waggon eines langen Kriegsgefangenenzuges verfrachtet. Wir wurden lange – lange durch die Tschechoslowakei geführt und schließlich nach Deutschland, Berlin, gebracht. Der Bahnhof war überdacht, aber viele Teile des Glasdaches waren kaputt. Man brachte uns in ein Gefängnis, das hieß, glaube ich, „Pawelstorkasse“ (Anm. d. Ü.: sicher akustisch nicht richtig erinnert), wo wir eine „Entlausung“ durchliefen, sanitäre Behandlung, wonach wir in das Konzentrationslager Ravensbrück in Fürstenberg gebracht wurden. Und da hat sich mir die Angst offenbart.

Das Erste, was mich niedergeschmettert und erschreckt hat: die Menschen, lebende Leichname, einzig Haut und Knochen. Und es verblüffte die Sauberkeit, damals verstand ich nicht, wofür. Die Deutschen fürchteten sich sehr vor Typhus. Woran ich mich noch erinnern kann: man trug gestreifte „Jacken“ – ein Kleid und eine Joppe, an den Füßen – ausgetretene Schuhe, den Appell (ewig langes Stehen in der Käle, an den Füßen wuchsen Eisblumen), die Verhöhnung, Arbeit und nochmals Arbeit – ich als Kleine musste unaufhörlich saubermachen, fegte die Wege, den Platz – und die Aufseherinnen mit Peitschen.

Wir hungerten: Suppe aus Wrucken und ein Stück Brot. So verbrachte ich im KZ Ravensbrück ungefähr ein Jahr. Unsere Truppen begannen die Offensive. Man setzte mich in einen Panzerzug und brachte mich Ende 1944 nach Wandsbek, eine Stadt bei Hamburg (ein Außenlager des KZ Neuengamme für Frauen). Dort gab es die Dräger-Werke, einen Rüstungsbetrieb zur Herstellung von Gasmasken, dort war ich Arbeiterin in der Produktionshalle.

Fotо № 4.  Solche Gasmasken haben wir hergestellt. Ausstellungsstück der GedenkstätteWandsbek                                                                                                 

Ich hatte ein Kurvenlineal, legte es auf einem Stück Leder an und schnitt es in fingerbreite Streifen, dann gab ich das an den nächsten Tisch weiter. Wir arbeiteten den ganzen Tag. Es gab noch mehr Verhöhnungen, Prügel. Einmal passte einer Aufseherin irgendetwas nicht und sie zog mir eine Flechtpeitsche, in die ein Draht eingeflochten war, über den Kopf, schlug sich in Rage, und ich fiel hin. Schlug mir den Kopf auf, die Narbe über der Stirn ist für das ganze Leben geblieben. Die Wunde wurde mit irgendetwas bestrichen und ich wurde gezwungen, sofort wieder an die Arbeit zu gehen. Wir wurden herausgetrieben zum Beseitigen der Trümmer jener der Gebäude, die bei Bombenangriffen zerstört worden waren. Aber die Jugend holte sich ihren Anteil auch dort. Aus Produktionsabfällen zauberten wir irgendetwas. Ich brachte heimlich Streifen mit in die Baracke, die ich zurechtgeschnitten hatte, und flocht mir ein Portemonnaie, das meine Tochter bis zum heutigen Tag als Familienreliquie aufbewahrt, als materielle Erinnerung an jene schrecklichen Tage.

Fotо № 5: Das Portemonnaie, das ich im Konzentrationslager Wandsbek geflochten habe

Uns befreiten die Engländer in den ersten Maitagen 1945. Wir hörten Schüsse, die immer näherkamen, Explosionen. Man sagte, dass in der Nähe sich ein Kriegsgefangenenlager befunden hätte, das wurde gesprengt. Anschließend erstarb alles, alles wurde verlassen. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Ich schlug meiner Freundin Ljala Baron vor, aus dem Lager herauszukommen. Sie schwankte. Ich bat sie, mir zu helfen, indem ich den Stacheldraht anhob, kroch drunter durch nach draußen. Dann folgte sie mir nach, wir krochen zwischen den Stacheldrähten (hatten Angst, dass uns der Wachmann bemerken würde) und liefen auf zur Straße. Dort näherten sich Straßenpanzer, auf denen Militärs in fremden Uniformen saßen.   Wir fingen an mit den Armen zu rudern und zu schreien: „Konezntrationslager! Konzentrationslager!“ Ein Straßenpanzer hielt an, die Soldaten sahen mich von oben schweigend an. Ich rief: „Dort ist ein Lager, Leute!“ Einer sprang ab und folgte uns. Sie betraten das Lager.  So wurden wir befreit. Wir wurden gut verpflegt, man unterstützte uns und brachte uns zu den Russen, in die russische Zone nach Neubrandenburg. Hier durchliefen wir die Filtration, jede einzelne von uns verhörte man sehr lange. Und der Herr stand mir auch hier bei. Als ich mit dem Gespräch dran war, füllte ich einen Fragebogen aus, ging in ein anderes Zimmer, um mir den Stempel darauf zu holen. Auf einmal höre ich: „Ljuda, bist du das?“ Hinter dem Tisch erhebt sich ein sowjetischer Major und umarmt mich. Ich kannte ihn nicht, aber er kannte meine Jungs irgendwie – die Untergrundgruppe, wusste von mir und sah mich von der Seite. Wir umarmten uns und ich begann zu weinen. Der Major war wohlwollend, ich wurde nicht weiter befragt und er setzte sich für meine baldestmögliche Rückkehr nach Russland ein. Das war nicht bei allen möglich. Ich bekam ein Dokument, dass es mir ermöglichte, nicht in der Gruppe, sondern allein heimzureisen. Ich schlug mich nach Hause durch, dachte bei mir: „Herrgott, schneller, schneller, nur erst die Grenze überqueren und heimatlichen Boden betreten, so schnell wie möglich nach Hause!“                                                                                 

Fotо № 6: Ljudmila Podgajezkaja mit anderen Häftlingsfrauen und Sowjetsoldaten, – hockend in der unteren Reihe rechts außen, zur Zeit der „Filtration“, NeubrandenburgMai–Juni 1945

Ich fuhr nach Russland. Als ich nach Hause nach Simferopol kam, war mein Vater schon von der Front zurückgekehrt. Er litt an Tuberkulose und musste sofort anfangen zu arbeiten, um zu leben. Wir lebten ärmlich: ein kranker Vater, die Mutter mit dem Kleinkind Kolja, der ältere Bruder Invalide (nach der Befreiung von Simferopol wurde er eingezogen, zur Befreiung von Sewastopol eingesetzt auf dem Berg Sapun, wurde verwundet. Er hatte starke Verbrennungen am gesamten Körper, er wurde auf einer Trage nach Hause gebracht.

Fotо № 7: Die Eltern von Ljudmila Podgajezkaja mit dem kleinen Bruder Kolja nach Beendigung des Krieges, 1945, Simferopol             

Ich beschloss, eine Ausbildung als Buchhalterin in der Gosbank anzutreten. Ich kam dorthin, man händigte mir ein Formular aus.

 

 

Fotо № 8: Ljudmila Podgajezkaja im heimatlichen Simferopol. 19.01.1946

Als ich eintrug, dass ich in Deutschland gewesen war, zerrissen sie den Fragebogen und sagten „Nein!“ Da ging ich zum KGB (in den Kellern unter dem Schewtschenko-Kino in der Gorkistraße), erzählte alles: wo ich gewesen war, was ich gemacht hatte, unter anderem auch von der Untergrundgruppe in Graz, dem bekannten Major. Man befragte mich ausführlich und sagte, ich solle in einer Woche wiederkommen. Ich kam wieder und sie sagten: „Schreiben Sie einen Antrag an die Gosbank, alles wird gut!“ So kam ich als Lehrling zur Gosbank, später absolvierte ich Weiterbildungen und wurde schließlich ausgebildete Buchhalterin.

 

Foto № 9: Ljudmila Podgajezkaja am Arbeitsplatz in der Staatsbank (Gosbank), 1947

Im Jahr 1947 habe ich den Hauptfeldwebel Pawel Iwanowitsch Subowskij geheiratet, einen Kriegsteilnehmer vom ersten bis zum letzten Tag einen Verteidiger der „Kleinen Erde“ in Noworossisk, Teilnehmer der berühmten Truppenlandung von Kertsch 1943 (er wurde zweimal schwer verwundet in diesen Kämpfen), die die Krim befreit hat, Warschau und den Krieg in Deutschland, in Berlin beendet hat. Im Jahr 1948 wurde unsere Tochter Larisa geboren, 1953 unser Sohn Alexander.

 

Foto № 10: Мeine Familie, 1953

 

Mit meinem Mann habe ich 62 Jahre zusammengelebt. Wir haben fünf Enkelinnen: Natascha, Inna, Nina, Sascha, Dascha, und zwei Urenkelinnen — Ljudmila und Lisa.

Ich habe an verschiedenen Stellen gearbeitet, die letzten 18 Jahre war ich als Kassiererin bei der Simferopoler Trolleybus-Flotte, von dort aus bin ich auch in Rente gegangen. Als ich den Rentenantrag stellte, wusste ich nicht, dass KZ-Häftlinge den Kriegsteilnehmern gleichgestellt werden. Überhaupt galt zu Sowjetzeiten alles im Lebenslauf, was mit Konzentrationslager, Kriegsgefangenschaft, dem Leben auf okkupiertem Territorium während des Krieges zusammenhing, als anstößig. Es war üblich, nicht darüber zu sprechen.

Alle schiegen, geschwiegen habe auch ich. Dann änderte sich die Lage.

Wir schickten eine Anfrage an das Wehrkreiskommando, dort bestätigte man, dass ich als Minderjährige Häftling mehrerer Konzentrationslager war, und ich bekam die Bescheinigung eines Kriegsteilnehmers. Nach einer Untersuchung und Bestätigung meiner Verwundung bekam ich die Bestätigung als Kriegsversehrte der dritten Gruppe. Anschließend überstand ich eine Lungenoperation, eine Operation an der Schilddrüse (die Konzentrationslager haben wir nicht umsonst durchgemacht!), bestätigten mir die zweite Gruppe der Invalidität. Im Oktober 2000 habe ich einen Schlaganfall überlebt.

Seit dem Ende der 1990er Jahre begann man sich an die Schicksale der KZ-Häftlinge zu erinnern. Deutschland begann mit der Auszahlung von Entschädigungen für Sklavenarbeit und Schinderei. In Simferopol wurde ein städtischer Invalidenverein ehemaliger KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter gegründet, in den auch ich eintrat. Seitdem nehme ich aktiv teil an der Arbeit des Vereins, die meinen Freundinnen aus der Zeit als Häftlinge der KZs Ravensbrück, Neuengamme und anderer Lager hilft.

Unserem Verein und seinen Mitgliedern haben seit den ersten Tagen seiner Existenz gesellschaftliche Organisationen aus Deutschland und deutsche Bürger große Hilfe erwiesen und erweisen sie noch. Ich bin mit Vielen bekannt, wurde mehrfach nach Deutschland eingeladen.

Im Mai 2010 war ich zusammen mit meiner ältesten Enkelin Natascha Jarmak nach Hamburg eingeladen zur Eröffnung der Gedenkstätte am ehemaligen Ort des Außenlagers Wandsbek des KZ Neuengamme.                                                             

 

Fotо № 11: Insassinnen des Frauen-Außenlagers Wandsbek (KZ-Neuengamme), v. l. n. r.): Ljudmila S. Subowskaja (Podgajezkaja, Natalja Radtschenko (Weißrussland), Neonila Kurljak(Ukraine) bei der Eröffnung der Gedenkstätte Wandsbek am 05.05.2010

 

Ich möchte, dass die Erinnerung an jene schrecklichen Jahre nicht erlischt, die sich niemals wiederholen sollen. Auch meine Enkelin ist mit der Erinnerung an meine Jugend in Kriegszeiten in Berührung gekommen, sie hat meinen Namen unter den Namen meiner Freundinnen gelesen – den Häftlingsfrauen, Teilnehmerinnen und Zeuginnen der schrecklichen Strapazen.

 

Fotо № 12:  Auf dem feierlichen Empfang aus Anlass der Eröffnung der Gedenkstätte in Wandsbek (KZ Neuengamme). Links außen – Ljudmila Subowskaja (Podgajezkaja), rechts vorn ihre Enkelin Natalja Jarmak, 05.05.2010

Fotо № 13: Ljudmila Subowskaja (Podgajezkaja) Mit ihrer Enkelin Natascha Jarmak an der Gedenkplatte zur Eröffnung der Gedenkstätte Wandsbek (Neuengamme) am 05.05.2010

 

Ljudmila Subowskaja (Podgajezkaja)

Simferopol, Krim, 11.04.2012