„Zwei Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück“

Ein Impulsbeitrag zur schulischen und außerschulischen Geschichtsdidaktik

Von Ulrike Maschner

Neubrandenburg war neben anderen Städten in Mecklenburg zur Zeit des Nationalsozialismus ein bedeutender Militär- und Rüstungsstandort. Die Rüstungsindustrie in Neubrandenburg konzentrierte sich auf die Mechanischen Werkstätten, in denen rund 6 000 Häftlinge für die deutsche Kriegsproduktion Zwangsarbeiten leisten mussten. Im Rahmen der Aufnahme von weiblichen KZ-Häftlingen aus Ravensbrück wurde 1943 das erste Außenlager an der Ihlenfelder Straße errichtet. Im Frühjahr 1944 wurde ein zweites unterirdisches Lager im Wald südlich der Neubrandenburger Stadtgrenze eröffnet. Rund 2 000 weibliche KZ-Häftlinge mussten dort, in den zum Teil in der Erde eingegrabenen Unterkünften, leben und arbeiten.

Auf dem Gelände des ehemaligen Außenlagers in der Ihlenfelder Straße befinden sich heute einige Gewerbe- und kleine Industriebetriebe sowie zahlreich leere, ungenutzte und verfallene Gebäude. Bauliche Überreste des Konzentrationslagers sind nicht mehr vorhanden. 2008 weihte die Stadt Neubrandenburg drei Geschichtslehrpfade zum Thema „Spurensuche – Orte der Gewalt“ ein. Einer der Lehrpfade beschäftigt sich mit der „Zwangsarbeit in der Nordstadt Neubrandenburg von 1939–1945“. So stehen heute an den historischen Orten der Mechanischen Werkstätten sowie des ersten Außenlagers Stelen mit wenigen Informationen. Auf dem ehemaligen Gelände der Mechanischen Werkstätten befinden sich neben einer Berufsschule zahlreiche Einfamilienhäuser, die nichts mehr von dem einstigen Rüstungsstandort erkennen lassen.

Das Gelände des ehemaligen Lagers „Waldbau“ war viele Jahre unpassierbar bzw. für Ausgrabungs- und Freilegungsarbeiten gesperrt und in der Folge davon auch weitgehend unbekannt. Ende 2019 gelang es dem Projekt „zeitlupe | Stadt.Geschichte & Erinnerung“  in Trägerschaft der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Mecklenburg-Vorpommern e. V.  einen Gestattungsvertrag mit der Landesforst Mecklenburg-Vorpommern zum Zwecke der historisch-politischen Bildungsarbeit abzuschließen.

Fehlen die sichtbaren baulichen Überreste der Gewaltorte, ob nun überbaut oder nicht zugänglich, ist die pädagogische Arbeit vor Ort anderen Herausforderungen ausgesetzt, als jenen in den etablierten KZ-Gedenkstätten. So haben Gedenkstättenpädagoginnen und Pädagogen eher damit zu tun ganze Pakete unterschiedlichster Erwartungen anzunehmen, seitens der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schülerinnen und Schüler. „Emotional packend“ soll es sein, fordern einige Lehrkräfte, ja gar aufregend soll es werden, fordern die Schüler. Hinzu kommt der öffentliche Eindruck, dass Schule und Gedenkstätte zwei entgegengesetzte Paare seien. Schulen und Gedenkstätten wird ein dichotomes Verhältnis angedichtet, welches sich in der Differenz von kognitivem versus affektives Lernen bewegt. Die Schule gilt demzufolge als Ort der reinen Wissensvermittlung, dem der „Makel des Defizitären“ anhaftet, da die notwendig erdachte emotionale Auseinandersetzung in diesem Feld keinen Platz habe. Dieser sogenannte Makel könnte, folgt man dieser dichotomen Logik, in den Gedenkstätten kompensiert werden.

Nicht selten herrscht daher die Ansicht vor, Geschichte soll erlebt – nicht etwa verstanden oder bearbeitet – werden. Oftmals ist es der innigste Wunsch seitens der Schülerinnen und Schüler, eine besonders gruselige Atmosphäre vorzufinden. Aussagen von Jugendlichen bestätigen immer wieder, sich den Akt des Quälens vor Augen führen zu wollen. Die Gedenkstätte wird so zu einer Fiktion. Damit erscheint der Ort für einige Schülerinnen und Schüler nicht als ehemaliger Leidensort, sondern als ein Theater des Grauens. Die Wahrnehmung der Jugendlichen ist von fiktionalen Bildern geprägt, denen ein historischer Wahrheitswert zugeschrieben wird. So werden bekannte Bilder und Szenen aus Film und Fernsehen aufgerufen und strukturieren den Wahrnehmungsrahmen der Schülerinnen und Schüler. Eine Enttäuschung über den Gedenkstättenbesuch ist somit meist vorprogrammiert.

Diejenigen, die als Pädagoginnen und Pädagogen an KZ-Gedenkstätten tätig sind, wissen aus ihrer täglichen Praxis, dass Gedenkstätten oft als Erlebnisorte gelten. Befinden sich an den historischen Tatorten keine Gedenkstätten, die mit Führungen oder Ausstellungen aufwarten können, gerät die Geschichte am eigenen Wohnort zunehmend aus dem Blick. So bestätigen Schulklassen aus Neubrandenburg immer wieder, nichts von den Außenlagern an ihrem Wohnort gewusst zu haben.

Vielleicht ist es auch eine Chance, an dem Wohnort, wo keine übermäßigen Erwartungen gestellt werden, eine Spur zu legen. Das „Nacherleben“ wie so oft in den Gedenkstätten als selbst gestellte Aufgabe, als eine Art arrangierte Affektstimulation, die hoffentlich in einem moralischen Urteil endet, am eigenen Wohnort, in solcher Dimension vielleicht gar nicht erst auftritt. So macht der Wunsch nach einem Nachvollziehen der authentischen Opfererfahrungen, die jedoch niemals einzulösen sind, Platz für die Spurensuche. Spurensuche an dem Ort, wo man zur Schule geht und wo man seine Freizeit verbringt.

Diese Leerstelle, die NS-Geschichte vor Ort, im Lebensumfeld der Schülerinnen und Schüler nachweis- und erlebbar zu machen, ist der Anspruch der Projektmappe „Zwei Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück“.

Ganz unter dem Motto „Grabe wo du wohnst“ sollen die deutschen Verbrechen und damit die Lebensgeschichten der Opfer sichtbar werden. So kann Regionalgeschichte vielleicht einen besonders geeigneten Zugang für eine Geschichtsanalyse eröffnen. Den anonymen Opfern werden ein Name und ein Umfeld gegeben und sie werden in den fassbaren Ort eingebettet, an dem die Jugendlichen heute leben. Regionale Geschichtsschreibung kann allerdings nur sinnvoll betrieben werden, wenn überregionale Vorgänge und Strukturen mit einbezogen und reflektiert werden. Die ausschließliche Beschränkung auf den eigenen Ort muss zwangsläufig zu Fehlinterpretationen führen.

Seit Jahren habe ich verschiedenste Dokumente zusammengetragen unter der Fragestellung, wie Geschichte an einem Ort vermittelt werden kann, wenn visuelle Eindrücke großenteils fehlen.

Das pädagogische Arbeitsmaterial[1], konzipiert für Schulen in Neubrandenburg und Umgebung, soll Aufschluss darüber geben, wo sich die Konzentrationslager einst befanden. Weiter sollen die Lagergeschichte und die darin verwobenen Mechanischen Werkstätten in den Blick genommen sowie Perspektiven von Überlebenden über den Lageralltag in den Fokus gerückt werden.

Das Arbeitsmaterial hat einen Umfang von über 100 Seiten angenommen. Die darin enthaltenen 16 Themenschwerpunkte[2] beschäftigen sich unter anderem mit dem Transport und der Ankunft in Neubrandenburg, mit verschiedenen Biografien von inhaftierten Frauen, thematisieren das Leben im Lager, die Geschichte der Rüstungsindustrie im Nationalsozialismus im Allgemeinen, das Außenlagersystem sowie die Zwangsarbeit in den Mechanischen Werkstätten im Besonderen.

Die hier nur zum Teil aufgezählten Schwerpunkte sind durch verschiedene Arbeitsbögen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden angereichert und konfrontieren die Schülerinnen und Schüler mit Bewertungs- und Interpretationsaufgaben, die zur selbständigen, aktiven Auseinandersetzung anregen sollen. Die Arbeitsblätter sehen keine genaue Bestimmung des Alters oder der Klassenstufe vor. Diese Zuordnung hat sich als untauglich erwiesen, da das Niveau verschiedener Lerngruppen aus gleicher Schulart und Klassenstufe oft sehr stark voneinander abweicht. Daher setzen die Materialien eher auf eine individuelle Binnendifferenzierung. Ich bin dabei davon ausgegangen, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler am besten einschätzen können.

Der thematische Einstieg der Arbeitsmaterialen beginnt mit der Ankunft im KZ Ravensbrück und schließt mit Debatten zur Erinnerungspolitik in Neubrandenburg. Die Texte der überlebenden Frauen bilden Grundlage und Mittelpunkt fast aller Arbeitsblätter. Zumeist sind die Berichte literarische Zeugnisse, die die Häftlinge selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, oder sind Ermittlungsakten entnommen. Kombiniert sind die meist kurzen Textpassagen mit Bildern, Fotografien, Landkarten oder wissenschaftlichen Hintergrundtexten. Diese unterschiedlichen Quellen sollen von den Schülerinnen und Schülern gedeutet und in eigener Sprache beschrieben werden. Diese Form der wissensbasierten Kompetenzentwicklung historischen Denkens und Nach- Erzählens soll die Fähigkeit entwickeln und unter Beweis zu stellen, Vergangenheit deutend zu rekonstruieren und sinnvoll darzustellen. Die Schülerinnen und Schüler sollen so den Versuch wagen, aus verschiedenen Materialien Sachverhalte der Vergangenheit zu erheben und diese in der Interpretation zeitlich und kausal zu verknüpfen.

Rainer Szczesiak, Dipl.-Museologe, der viele Jahre im Regionalmuseum Neubrandenburg tätig war und 2011 in die Historische Kommission für Mecklenburg berufen wurde, kommentierte die Arbeitsmappe wie folgt: „Kompakt und gut strukturiert.“ Ja, das mag stimmen. Andererseits erhebt dieses Bildungsmaterial keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll eher als Anregung für eine tiefere Auseinandersetzung dienen. Die Arbeitsbögen können lediglich Themenkomplexe anschneiden, jedoch nicht in aller Ausführlichkeit behandeln. Skepsis ist zu Recht angebracht, wenn das Vokabular Projektmappe oder Bildungsbausteine bemüht wird. So verweisen beide Begriffe darauf, dass sie immer nur Ausschnitte beleuchten können und der Nationalsozialismus mit seiner Vorgeschichte und seinem Nachwirken bis heute nicht einfach zu durchdringen ist. Dennoch freue ich mich natürlich, wenn diese Projektmappe[3] in den Schulen Verwendung findet.

[1] Begleittext im Arbeitsmaterial „Zwei Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück in Neubrandenburg“

[2] Übersicht über die Themenschwerpunkte der Arbeitsmappe „Zwei Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück in Neubrandenburg“

[3] Ansicht der Arbeitsmappe „Zwei Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück in Neubrandenburg“

 

Ulrike Maschner ist Dipl.-Pädagogin, beruflich als Beraterin bei LOBBI Ost, Landesweite Opferberatung, Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern, tätig. Darüber hinaus engagiert sie sich seit vielen Jahren freiberuflich in der historisch-politischen Bildungsarbeit.